EU-KI-Verordnung (EU AI Act)
Die weltweit erste umfassende KI-Regulierung: Definition, Risikostufen, Rollen und aktualisierte Timeline bis 2028.
Die EU-KI-Verordnung, international als EU AI Act bekannt, ist das weltweit erste umfassende Gesetz zur Regulierung von Künstlicher Intelligenz. Sie wurde am 13. März 2024 vom Europäischen Parlament verabschiedet, am 21. Mai 2024 vom Rat der EU bestätigt und trat am 1. August 2024 in Kraft. Die Verordnung folgt einem risikobasierten Ansatz: Je höher das Risiko einer KI-Anwendung für Sicherheit, Gesundheit oder Grundrechte, desto strenger die Anforderungen. Für den Mittelstand ist entscheidend: Die meisten eingesetzten KI-Tools fallen in die Kategorien minimales oder begrenztes Risiko und unterliegen nur wenigen Pflichten.
Was ist die EU-KI-Verordnung im Überblick?
Offiziell lautet der Titel Verordnung (EU) 2024/1689 des Europäischen Parlaments und des Rates zur Festlegung harmonisierter Vorschriften für künstliche Intelligenz. Die Verordnung gilt als Verordnung mit EWR-Relevanz direkt in allen EU-Mitgliedstaaten – ohne Umsetzung durch nationales Recht. Deutschland arbeitet dennoch an einem Durchführungsgesetz (KI-MIG), das die Zuständigkeiten der Behörden klärt.
Das Gesetz verfolgt zwei Ziele: Es soll einerseits den sicheren und verantwortungsvollen Einsatz von KI fördern und andererseits Innovationen schützen. Der risikobasierte Ansatz bedeutet: Nicht jede KI-Anwendung wird gleich stark reguliert. Ein Spam-Filter unterliegt anderen Regeln als ein KI-System zur automatisierten Bewerberauswahl.
Der Geltungsbereich ist extraterritorial: Auch Anbieter außerhalb der EU müssen den AI Act einhalten, wenn ihre KI-Systeme im EU-Markt genutzt werden oder deren Output in der EU verwendet wird.
Ist mein Software-Tool ein KI-System nach dem EU AI Act?
Diese Frage stellen sich viele Geschäftsführer, wenn sie von der KI-Verordnung hören. Die offizielle Definition in Artikel 3 Absatz 1 lautet:
Ein KI-System ist ein maschinenbasiertes System, das mit variierendem Grad an Autonomie arbeiten und nach der Bereitstellung Anpassungsfähigkeit zeigen kann und das für explizite oder implizite Ziele aus den empfangenen Eingaben ableitet, wie Outputs wie Vorhersagen, Inhalte, Empfehlungen oder Entscheidungen generiert werden können, die physische oder virtuelle Umgebungen beeinflussen können.
Entscheidend ist die Inferenz – also die Fähigkeit, aus Inputs selbstständig Outputs abzuleiten. Wer nur feste Regeln programmiert, ohne dass das System aus Daten lernt oder Muster erkennt, baut kein KI-System im Sinne des AI Act.
Entscheidungshilfe: Ist mein Tool ein KI-System?
| Kriterium | Ja | Nein |
|---|---|---|
| Arbeitet das System mit variierender Autonomie? | → Weiter zu Kriterium 2 | Kein KI-System |
| Kann es sich nach der Einführung anpassen? | → Weiter zu Kriterium 3 | Wahrscheinlich kein KI-System |
| Leitet es aus Inputs Outputs ab (Vorhersagen, Empfehlungen, Entscheidungen)? | → Weiter zu Kriterium 4 | Kein KI-System |
| Können diese Outputs Umgebungen beeinflussen? | Es ist ein KI-System | Kein KI-System |
Was ist explizit kein KI-System? Laut den Leitlinien der Europäischen Kommission vom Februar 2025 zählen dazu: traditionelle regelbasierte Software ohne Inferenz, einfache statistische Berechnungen, Standard-Suchalgorithmen, automatisierte Excel-Formeln ohne Mustererkennung und klassische Workflow-Automatisierungen mit festen if-then-Regeln.
Die 4 Risikostufen: Welche gilt für mein Unternehmen?
Der AI Act klassifiziert KI-Systeme in vier Risikostufen. Für den Mittelstand ist die Einordnung entscheidend, denn davon hängt der Compliance-Aufwand ab.
| Risikostufe | Mittelstand-Beispiel | Pflichten |
|---|---|---|
| Unannehmbares Risiko (Art. 5) | Social Scoring von Kunden, manipulative Subliminal-Bots, biometrische Echtzeitüberwachung | Verboten seit 2. Februar 2025 |
| Hohes Risiko (Art. 6 + Anhang III) | Automatisiertes Bewerbungs-Screening, Kreditscoring, Leistungsbewertung, Notfalldienst-Priorisierung | Konformitätsbewertung, Risikomanagement, Daten-Governance, technische Dokumentation, menschliche Aufsicht, Registrierung in EU-Datenbank |
| Begrenztes Risiko (Art. 50) | KI-Chatbot auf der Website, KI-generierte Marketing-Bilder, E-Mail-Vorschläge, KI-Telefonie | Transparenzhinweis, Kennzeichnung KI-generierter Inhalte |
| Minimales Risiko | Spam-Filter, Churn-Prognose, interne Forecasting-Tools, Dokumenten-Klassifizierung, Anomalieerkennung | Keine spezifischen Pflichten, freiwilliger Verhaltenskodex empfohlen |
Die gute Nachricht für den Mittelstand: Die meisten KI-Tools in KMU-Betrieben – von der E-Mail-Automatisierung bis zur Umsatzprognose – fallen unter minimales oder begrenztes Risiko. Hochrisiko-Systeme sind auf spezifische Branchen und Anwendungsfälle beschränkt.
Wer ist betroffen? Der Rollen-Selbsttest
Der AI Act unterscheidet vier Rollen entlang der Wertschöpfungskette. Die meisten Mittelständler sind Deployer (Betreiber), haben aber deutlich geringere Pflichten als Provider (Anbieter).
| Ihr Unternehmen... | Dann sind Sie... | Kernpflichten |
|---|---|---|
| ...entwickelt KI-Software und bringt sie unter eigenem Namen auf den Markt | Provider (Anbieter) | Technische Dokumentation, Konformitätsbewertung, CE-Kennzeichnung, Risikomanagement-System |
| ...nutzt KI-Software im eigenen Betrieb | Deployer (Betreiber) | KI-Kompetenz nach Artikel 4, Risikobewertung, menschliche Aufsicht, Protokollierung |
| ...importiert KI-Software aus Nicht-EU-Ländern in die EU | Importeur | Prüfung der Konformität, Kooperation mit Marktüberwachungsbehörden |
| ...vertreibt KI-Software im eigenen Namen, ohne sie zu entwickeln | Distributoren (Händler) | Sorgfaltspflicht, Prüfung von CE-Kennzeichnung und Dokumentation, Meldung bei Nicht-Konformität |
Wichtig: Wer ein gekauftes KI-System wesentlich verändert – zum Beispiel durch Retraining auf eigenen Daten oder Änderung der Zweckbestimmung – kann aus der Rolle des Deployers in die des Providers wechseln. Das bedeutet deutlich höhere Pflichten.
Wann gilt was? Zeitplan mit Digital-Omnibus-Update
Der AI Act wird schrittweise angewendet. Durch den Digital Omnibus (Novellierung vom November 2025) wurden wichtige Fristen für Hochrisiko-Systeme verschoben. Viele deutsche Quellen zeigen noch den alten Stand – hier die aktualisierte Übersicht.
| Datum | Was gilt | Status |
|---|---|---|
| 1. August 2024 | Verordnung tritt in Kraft | ✅ In Kraft |
| 2. Februar 2025 | Verbotene Praktiken (Art. 5) + KI-Kompetenzpflicht (Art. 4) | ✅ Gilt bereits |
| 2. August 2025 | GPAI-Provider-Pflichten + Governance-Strukturen | ✅ Gilt bereits |
| 2. Dezember 2026 | Maschinenlesbare Kennzeichnung KI-generierter Inhalte + Verbot Deepfake-Pornographie (neu im Digital Omnibus) | 🆕 Neu |
| 2. Dezember 2027 | Hochrisiko-KI nach Anhang III (verschoben durch Digital Omnibus; vorher 2. August 2026) | 🆕 Verschoben |
| 2. August 2028 | Hochrisiko-KI in Produkten nach Anhang I (verschoben durch Digital Omnibus; vorher 2. August 2027) | 🆕 Verschoben |
Der Digital Omnibus hat zudem KMU-Erleichterungen auf kleine Mid-Cap-Unternehmen erweitert und die Zuständigkeiten der EU-KI-Behörde gestärkt. Die politische Einigung wurde am 7. Mai 2026 erzielt, die formelle Annahme durch Parlament und Rat steht noch aus.
EU AI Act im Kontext anderer Regelungen
Der AI Act steht nicht isoliert. Für Unternehmen, die KI einsetzen, sind mindestens vier weitere Regelwerke relevant. Wer sie zusammen betrachtet, vermeidet Doppelarbeit.
| Regelung | Bezug zum AI Act | Was das für KMU bedeutet |
|---|---|---|
| DSGVO | Überschneidung bei personenbezogenen Daten, DSFA bei Hochrisiko-KI, Transparenzpflichten | Wer DSGVO-konform ist, hat 60 bis 70 Prozent der AI-Act-Anforderungen für minimale und begrenzte Risiken bereits erfüllt |
| NIS2 | Cybersicherheit für kritische Infrastrukturen | Hochrisiko-KI in kritischer Infrastruktur unterliegt beiden Regelwerken gleichzeitig |
| Cyber Resilience Act (CRA) | Produktsicherheit für Software mit Sicherheitsfunktionen | KI-Sicherheitskomponenten in Produkten müssen CRA- und AI-Act-Anforderungen erfüllen |
| ISO 42001 | Freiwillige internationale Norm für KI-Managementsysteme | Hilfreich für Hochrisiko-Systeme als strukturiertes Framework, aber keine gesetzliche Pflicht |
Bußgelder und Sanktionen
Der AI Act sieht ein gestaffeltes Bußgeldregime vor. Für Mittelständler ist wichtig: Bei der Berechnung gilt der niedrigere Wert – entweder der Festbetrag oder der Prozentsatz des weltweiten Umsatzes.
| Verstoß | Max. Bußgeld | KMU-Sonderregel |
|---|---|---|
| Verbotene Praktiken (Art. 5) | 35 Mio. EUR oder 7 % globaler Umsatz | Niedrigerer Wert gilt |
| Hochrisiko-Pflichten (Art. 6 ff.) | 15 Mio. EUR oder 3 % globaler Umsatz | Niedrigerer Wert gilt |
| Falsche Angaben an Behörden | 7,5 Mio. EUR oder 1,5 % globaler Umsatz | Niedrigerer Wert gilt |
Für die meisten Mittelständler sind diese Summen theoretischer Natur, da die überwiegende Mehrheit der KMU keine verbotenen Praktiken einsetzt und die meisten KI-Systeme unter minimales oder begrenztes Risiko fallen. Dennoch sollten Unternehmen die Pflichten ernst nehmen, da regulatorische Prüfungen zunehmen.
KMU-Privilegierungen nach Artikel 62
Der AI Act behandelt kleine und mittlere Unternehmen nicht wie Großkonzerne. Artikel 62 sieht gezielte Erleichterungen vor, die bei der Konformitätsbewertung beantragt werden müssen:
- Gebührenerleichterungen: Reduzierte Kosten für Prüfung und Zertifizierung von Hochrisiko-Systemen – typischerweise 20 bis 40 Prozent Ersparnis
- Vereinfachte technische Unterlagen: KMU müssen nicht den vollen Umfang der Dokumentation liefern
- Prioritärer Zugang zu KI-Reallaboren: Kontrollierte Testumgebungen unter behördlicher Aufsicht
- Sensibilisierungsmaßnahmen: Mitgliedstaaten müssen KMU bei der Umsetzung unterstützen
Durch den Digital Omnibus wurden diese Privilegierungen zudem auf kleine Mid-Cap-Unternehmen (SMCs) erweitert.
Deutsche Umsetzung: Wer kontrolliert in Deutschland?
Deutschland hat die Frist zur Benennung einer nationalen KI-Aufsichtsbehörde (2. August 2025) verpasst. Derzeit läuft die parlamentarische Beratung des Durchführungsgesetzes:
- Bundesnetzagentur (BNetzA) soll zentrale Marktüberwachungsbehörde und notifizierende Stelle werden
- KoKIVO (Koordinierungs- und Kompetenzzentrum für die KI-Verordnung) bei der BNetzA soll eine einheitliche Rechtsauslegung gewährleisten
- KI-MIG (Gesetz zur Marktüberwachung und Innovationsförderung von KI) wurde im Februar 2026 von der Bundesregierung beschlossen, erste Lesung im Bundestag am 20. März 2026
- KI-Reallabor bei der BNetzA für kontrollierte Tests von KI-Systemen
- KI-Service Desk der BNetzA als praxisnahe Anlaufstelle für Unternehmen mit interaktivem Compliance-Kompass
Verwandte Begriffe
Vertiefende Ratgeber
Dieser Glossar-Artikel definiert den EU AI Act. Wer einen konkreten Umsetzungsplan sucht:
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